Der Vater ist eine Hauptfigur in der Erzählung »Die Verwandlung«. Man kann ihn eigentlich als die zweite Haptfigur in dieser Erzählung nach Gregor betrachte, weil er der zweite Pol im Vater-Sohn-Konflikt ist, der eins der stärksten Motive in Kafkas Werken und Texten zu sein scheint.
Der erste »Auftritt« dieser Figur ist ein sehr bezeichnender: »und schon klopfte an der einen Seitentür [von Gregors Durchgangszimmer] der Vater, schwach, aber mit der Faust«. Schwach, aber mit der Faust : Besser als durch diese vordergründig natürlich technisch gemeinte Formulierung ließen sich Rolle und »Standort« des alten Samsa in der Familie zu Beginn der Erzählung nicht charakterisieren. Seit dem Zusammenbruch seines eigenen Geschäfts versteht sich Gregors Vater als jenseits des Erwerbslebens stehend; er wirkt alt und gebrechlich. Aber nebenbei erfährt man, dass er völlig gesund ist und also durchaus tun könnte, was er später dann auch muss: arbeiten, anstatt zu tun, was er vorzieht: meistens »im Schlafrock« herumsitzen, das Frühstück »bei der Lektüre verschiedener Zeitungen« stundenlang hinziehen und nur »an ein paar Sonntagen im Jahr und an den höchsten Feiertagen [...] mit stets vorsichtig aufgesetztem Krückstock« überhaupt das Haus verlassen.
Diese scheinbare Senilität des Vaters zu Beginn der Erzählung täuscht leicht darüber hinweg, dass er, ganz in der patriarchalischen Tradition gerade auch der jüdischen Familie, durchaus das Regiment führt. Die ethnische Zugehörigkeit der Samsas (tschechisch klingender Name, aber deutsche Sprache; keine ausgeprägte Religiosität) wird freilich wohlweislich völlig offengelassen: eine für das deutsch assimilierte städtisch-bürgerliche Judentum Prags nicht untypische Mischung. Allenfalls zwischen ihm und Gregor ist strittig, wer (etwa über Gretes Wunsch einer musikalischen Ausbildung) entscheidet. Kleine Hinweise auf die Herrschaft des Vaters in der Familie Samsa gibt es genügend: Er wird als erster »ungeduldig«, als Gregor den Prokuristen nicht zu sich einlassen will; er ballt die Faust bei Gregors erstem Auftreten als Käfer, und am Ende von Gregors erstem Ausflug aus seinem Zimmer heraus treibt er den Käfer unter einer solchen Lärmentwicklung zurück, dass es »gar nicht mehr wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters« klingt. Diese begreiflicherweise in der Forschung oft zitierte Formulierung macht klar, dass der alte Samsa, wie harmlos er anfangs auch daherkommt, durchaus zum »wilden Stamm der Kafka-Väter gehört« und genau wie der alte Bendemann, der über seinen Sohn das paradoxe Urteil des unfreiwilligen Selbstmords spricht, jederzeit imstande ist, senkrecht im Bett seiner scheinbaren Senilität zu stehen und – mit dem Brief an den Vater zu reden – die »geistige Oberherrschaft« wieder offen an sich zu reißen.