Meiner Meinung nach gehört die Mutter in dieser Erzählung zu den Nebenfiguren. Sie spielt keine so wichtige Rolle und als einzige macht keine erkennbare oder bemerkenswerte Verwandlung wie die anderen Hauptfiguren (Gregor, Grete und der Vater) durch.
Nicht zufällig wünscht sie ja zunächst »das Zimmer genau in dem Zustand zu erhalten, in dem es früher war, damit Gregor, wenn er wieder zu uns zurückkommt, alles unverändert findet«. Die Mutter ist, nach dem Wenigen zu schließen, was wir über sie erfahren, ein einfaches Gemüt: Gregors Unglück scheint ihr eine andere Art von Geschäftsreise; etwas, was zwar unangenehm ist, aber nur eine begrenzte Zeit dauert und mit der Heimkehr endet. Die Mutter ist generell Reagierende; die Reaktionsmuster, denen sie dabei gehorcht, sind die typisch bürgerlichen des späten 19. Jahrhunderts: Von ihrem Mann erwartet sie in kritischen Situationen Tatkraft und schnelle Entscheidungen. Sie selber fällt in Ohnmacht. Dieses In-Ohnmacht-Fallen, schon in den Novellen und Dramen Kleists regelmäßig Zeichen für die Machtlosigkeit einer Figur in der sie bedrängenden Situation, wird von Kafka gezielt – und deutlich stilisiert – eingesetzt, um die Begrenztheit dieser Figur zu signalisieren; sie ist, im Gegensatz etwa zu Grete, nicht entwicklungsfähig. Seit jeher – und genau, wie Kafka dies im Brief an den Vater auch biografisch beschrieben hat – Vermittlungsinstanz zwischen dem herrschenden Vater und den beherrschten Kindern, ist sie die »sanfte Stimme«, die als erste den scheinbar säumigen Sohn dem Vorgesetzten gegenüber entschuldigt und, solange es geht, Harmonie vortäuscht, um durch ihre Ohnmacht das Ende aller Harmonisierungsmöglichkeiten anzuzeigen. Dass sogar diese »ohnmächtige« Figur einen Herrschaftsbereich hat, sei nur am Rande vermerkt: Das zu Tode erschrockene Dienstmädchen, das fristlos kündigen will, muss die Mutter »kniefällig« bitten, der Entlassung zuzustimmen.