Viele Werke und Texte sind über die Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit dieses kleinen Handlungsreisenden abgefasst worden. Was hier über den Helden dieser Erzählung, Gregor, mitgeteilt werden kann, stützt sich auf die wenigen Informationen, die dem Leser eher beiläufig über ihr Vorleben mitgeteilt wird; denn vom Augenblick der Verwandlung an beginnt sich Gregors »Charakter« zu verwandeln und zu verändern, und die gängige Definition, die Charaktere einer Novelle seien bereits angelegt und trügen lediglich ihre(n) Konflikt(e) aus, gilt für diese Figur als einzige nicht. So lapidar und nüchtern wird eine unheimliche Verwndlung konstatiert. Gregor Samsa gerät über seine neue Existenzform zunächst kaum ins Staunen, halb unwillig möchte er sie als Einbildung abtun: »›Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße‹, dachte er.« Ins Staunen gerät er zunächst eher darüber, dass er seinen auf vier Uhr gestellten Wecker nicht gehört hat: »Ja, aber war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu verschlafen?« Es war möglich, denn Gregor Samsa wollte gar nicht rechtzeitig aufwachen, auch wenn ihm das so klar nicht bewusst wird: »›Ach Gott‹, dachte er, ›was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tagaus, tagein auf der Reise (…) ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!‹« Das sind die Gedanken Gregors kurz nach dem Erwachen – und sie müssen wohl auch in seinen »unruhigen Träumen« ihr Wesen getrieben und sein Verschlafen herbeigeführt haben. „Setzt man aber die Informationssplitter, die der Text bereithält, zu einem Mosaik zusammen, so ergibt sich folgendes Bild vom Handlungsreisenden Gregor Samsa : Er war introvertiert und kontaktarm, ängstlich und autoritätsgläubig, dabei aber von einer verdrängten, niedergehaltenen Aggressivität den vorgesetzten gegenüber. Er neidete anderen Berufskollegen ihre vermeintliche oder wirkliche Besserstellung und kultivierte ihnen gegenüber offenbar die Ressentiments des Zukurzgekommenen. Sein »Privatleben«, sofern davon die Rede sein kann, bestand aus Hobbies, denen man zuhause und alleine nachgeht (Laubsägearbeiten, Studieren von Fahrplänen auch über die sachliche Notwendigkeit hinaus). Sein Verhältnis zu Frauen war gehemmt, wenn nicht grundlegend gestört: Die Dame im Pelz, für deren Konterfei er einen Rahmen geschnitzt hat, wird von vielen Interpreten als latent erotische Darstellung verstanden, und die wenigen Kontakte zu realen Frauen sind an seiner Entscheidungsschwäche und Schwerfälligkeit gescheitert (»ernsthaft, aber zu langsam beworben«.
Dies alles ergibt den Typ nicht nur des gehemmten Junggesellen, sondern auch des »geistig obdachlosen« Angestellten (Kracauer: »oft waren sie Offiziere«), der sich mangels eigener charakterlicher Festigkeit in einer Leutnantsuniform noch am wohlsten fühlt und darin »sorglos lächelnd« jene Autorität verkörpert, vor der er im zivilen Leben kuschen würde. Nicht als Persönlichkeit, sondern »für seine Haltung und Uniform« erwartet ein solcher Mensch »Respekt«.
Doch der autoritäre Charakter, der hier, um es paradox auszudrücken, mit genau berechneter Flüchtigkeit skizziert wird, ist keine an der Oberfläche bleibende Typisierung, sondern geht in die Tiefe. Diese Tiefe heißt: Herrschsucht. Die Schwester wollte er auch gegen den Willen der Eltern aufs Konservatorium schicken – für eine Bekanntgabe dieser Entscheidung hatte er den Weihnachtsabend vorgesehen, an dem er aber bereits als Käfer die Wände hochgeht. Noch zwei Tage vor seiner Verwandlung muss er in einer nur als unschön zu denkenden Szene beim Essen einen von der Mutter aufgetischten Käse für ungenießbar erklärt haben – denselben, inzwischen jedenfalls tatsächlich verdorbenen Käse, der dem Käfer Gregor als einzige der angebotenen Speisen wirklich schmeckt.